Wer wir sind…

Im Zeitalter, in dem die Menschen tatsächlich zu bloßen Triebrädern des gesellschaftlichen Prozesses geworden sind, in dem sie sich fast ausnahmslos mit dem noch freudig identifizieren, dem sie sich unterzuordnen haben, Arbeit und Nation etwa, in dem vermeintliche Kritik – zumindest hierzulande – beinahe zwangsläufig die Form von Ressentiment gegen diverse „Volksschädlinge“ annimmt, erscheint das Festhalten an dem Ziel einer humanen Gesellschaft als weltfremde Spinnerei, und ist doch nötiger denn je.

Teil des falschen Ganzen ist eine Linke, die sich durch Bescheidwisserei und einer Ticketmentalität auszeichnet. Der kritische Gedanke kann erst darin seinen Ausgang nehmen, dass es kein außerhalb gibt. Um den Sachverhalt der vollendeten Ohnmacht zu überspielen, übt man sich mit scheinradikalem Gestus in blindem Aktionismus sowie in alternativer Gemeinschaftsideologie und -praxis, worin die nicht bewußte Abwehr von Kritik und Selbstreflexion zum Ausdruck kommt. Wo es im nachbürgerlichem Zeitalter personale Herrschaft nur noch als ihre Selbsttäuschung gibt, will man gegen „die Herrschenden“ die Massen mobilisieren und im Bemühen, diese abzuholen, wo sie stehen, macht man sich ihrem externalisierten Selbsthass gleich, um sich dann darüber zu empören, dass die Populist_innen von rechts denen von links in der Identifizierung der Feinde immer einen Schritt voraus sind.
In der Erkenntnis der vollkommenen Ohnmacht gilt es doch den Widerspruch der Einzelnen gegen das falsche Ganze hochzuhalten und sich mit kritischen Theorien auseinanderzusetzen. Zentral ist dabei der Kampf gegen den Antisemitismus, dessen verschiedene Spielarten sich seit Jahrhunderten in allen Schichten und Fraktionen der Gesellschaften kundtun und der im Vernichtungswahn der Nazis seinen bisherigen Höhepunkt fand. Die Shoah und die bis heute ungebrochene Kontinuität des Antisemitismus, der zu ihr führte, sind notwendige Gründe, gegen ihn aktiv zu sein. Da er ein geschlossenes System des Verschwörungsdenkens ist, erweist sich die Diskussion mit bekennenden Antisemit_innen allerdings als genauso aussichtsvoll, wie Tieren das Sprechen beizubringen, wie Leszek Kolakowski einst bemerkte, weswegen einer Anekdote von Woody Allen zufolge Baseballschläger zuweilen die passenderen Argumente seien, wenn Antisemit_innen zur Verfolgungspraxis übergehen. Bekennender Nazi oder Antisemit_in aber will kaum jemand mehr sein, doch antisemitische Ressentiments tun sich heute im allseits geteilten Antizionismus und Antiamerikanismus kund, im Verschwörungsdenken wie im Hass auf Zirkulation, Finanzkapital und Intellekt. Was von Attac, Gewerkschaften, Sozialdemokratie, Linkspartei und antiimperialistisch orientierten Linken strukturell und oft unintendiert in dieser Richtung verlautbart wird, kommt sehr nahe an die Anschauungen heutiger Nazis heran, weswegen es immer wieder zu ungebetenem Applaus von diesen kommt.
Die Behauptung einer normalisierten und geläuterten deutschen Nation, die längst den Schlussstrich vollzogen hat, ist hierzulande Allgemeingut und Unterpfand dafür, dass der deutsche Weg sich zum Vorbildmodell für die Welt empfiehlt und man sich wieder als Opfer fremder Mächte halluziniert, z.B. von „Heuschrecken“ oder „amerikanischen Verhältnissen“. Aufgrund dieser geleugneten Kontinuität bleibt das Fortwesen des deutschen Denkens und seiner Verhältnisse ein Skandal, auch und gerade wenn es sich als unschuldiger Massentaumel anlässlich von Sportereignissen, als anklägerische „Weltfriedensmacht“ oder als Weltmeister im Vergangenheitsbewältigen inszeniert.
Gegen den Kollektivismus jeder Couleur ist eine emanzipatorische Welt, in der das Individuum keinen Zwängen unterworfen ist, zu fordern. Das Minimalprogramm, unterhalb dessen nichts als Regression zu finden ist, muss daher lauten:

Antisemitismus in all seinen Formen bekämpfen – Deutschland und seine Ideologie abschaffen – Für eine Gesellschaft ohne Zwänge!

Gruppe Anomy
Hannover, April 2008