Flugblatt gegen die Udo Steinbach-Veranstaltung

Gegen Geschichtsrevisionismus und Antizionismus! Udo Steinbach – ein Exempel deutscher Vergangenheitsverkehrung und Kollaboration mit dem antisemitischen Jihad

Worum geht’s?

Für den heutigen Abend [23.04.2008] hat das Institut für Politische Wissenschaft in Kooperation mit der Deutsch-Syrischen Kulturgesellschaft Niedersachsen e.V. den Islamwissenschaftler und ehemaligen Leiter des Deutschen Orient Instituts, Udo Steinbach eingeladen. Dieser soll einen Vortrag mit dem durchaus griffigen Titel „Politik mit Realitätsverlust – im Nahen Osten ersetzt Wunschdenken das Handeln“ halten.

Mitveranstalterin
Deutsch-Syrische Kulturgesellschaft

Die Website des Kooperationspartners des IPWs, der Deutsch-Syrischen Kulturgesellschaft bzw. des Bundesverbands der Syrer, macht bereits auf ihrer Startseite klar, wer „der Schuldige“ im „Nahostkonflikt“ ist. In einer „Umfrage“ wird gefragt: „Hat der Frieden in Palästina nach den Mas[s]akern in Gaza noch eine Chance?“ Mögliche Antwortmöglichkeiten gibt es zwei: „Nein – Israel will keinen Frieden“ und „Ja“. Das Ergebnis soll an dieser Stelle nicht interessieren, die Fragestellung spricht für sich. Nebst dieser Umfrage, die offenbart, dass der Feind des Friedens nur Israel sein kann, finden sich auf der Seite zahlreichges weiteres Material, dass der genaueren Kommentierung wert wäre. Unter anderem wird Israel als „Apartheid-System“, also fernab jeder Realität als rassistischer Staat in der Tradition des früheren Südafrikas, gebrandmarkt und damit freilich delegitimiert.

Wer ist Udo Steinbach?

Udo Steinbach war von 1976 bis 2007 Leiter des in Hamburg ansässigen Deutschen Orient Instituts (DOI). Das DOI fungierte als Vordenker der deutschen Außenpolitik und berät das Verteidigungsministerium, das Auswärtige Amt und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Es wurde jährlich mit rund 385 000 Euro vom Auswärtigen Amt und mit einer ähnlich hohen Summe vom Senat der Stadt Hamburg finanziert.
Das DOI analysierte dabei „die Konsequenzen für Regierungstätigkeit und zivilgesellschaftliches Engagement“ im Nahen und Mittleren Osten und sah die „Sympathie, die Deutschland traditionell in der gesamten Region entgegengebracht wird“, als Chance für die deutsche und europäische Außenpolitik. Nach Udo Steinbach wird „die Bundesrepublik im Nahen Osten weithin als künftige Großmacht und als ein Akteur gesehen, der ein Gegengewicht gegen eine allzu dominante amerikanische Machtausübung bilden kann“ .
Worauf allerdings die traditionelle Sympathie beruhen, die Deutschland dafür qualifizieren, eine gewichtige Rolle im Nahen und Mittleren Osten zu spielen, wird geflissentlich übergangen: Die Gründe sind in den deutschen Traditionen antiwestlichen, antiamerikanischen und antisemitischen Denkens und Handelns zu finden, nicht zuletzt in seiner konsequenten, national-sozialistischen Variante, und den sich darauf aufbauenden historischen Bündnispolitiken.

„Kritischer Dialog“?!

Das DOI ist das Aushängeschild des „kritischen Dialogs“. Dabei führt es diesen Dialog auch gerne mit Islamisten, wie auf der im Februar 2004 gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem libanesischen Consultative Center for Studies and Documentation (CSSD), einem Think Tank der islamistischen Hizbollah, in Beirut organisierten Tagung „The Islamic World and Europe: From Dialogue towards Understanding“. Neben deutschen Nahostexperten tagten namhafte Islamisten wie Tariq Ramadan, Azzam al-Tamimi, Jamal al-Banna von der ägyptischen Muslim-Bruderschaft oder Skeikh Naeem Quasim von der Hizbollah. Der Kritik des Simon-Wiesenthal-Centres an die Veranstalter, den islamistischen Extremismus salonfähig zu machen, wurde erwidert, daß „der kritische Dialog der Strategie [diene], Wandel durch Annäherung zu ermöglichen“.
Steinbach selbst gilt in der deutschen Öffentlichkeit als führender Islamexperte und er nutzt diese Rolle in Interviews und Artikeln immer wieder dafür, auch islamistische Kräfte zu unterstützen und Verständnis für islamistischen Terror zu erreichen, in dem er diesen in einen Kausalzusammenhang mit der Politik Israels und den USA stellt. Auch das Iranische Regime, welches Holocaustleugnung betreibt und an der Atombombe zur Vernichtung Israels arbeitet, verharmlost er und bescheinigt ihm positive und negative Seiten, Europa sei keinesfalls vom Iran bedroht, sondern „allenfalls“ Israel oder die Türkei. So trat er im September 2007 auch auf einer Konferenz der Industrie- und Handelskammer Hessen zur Verbesserung der deutsch-iranischen Handelsbeziehungen auf.

Islamismus – (k)ein Problem?

Nicht nur Tariq Ramadan war als Berater am DOI beschäftigt, sondern auch der Baathist mit Verbindungen zu Saddam Husseins Geheimdiensten Aziz Alkazaz, dem Steinbach gute Referenzen bescheinigte. Neben rechtsgerichteten Zeitschriften und Vereinen, denen er als Interviewpartner und Referent zur Verfügung steht, wie der Jungen Freiheit, dem Eurasischen Magazin und der Patriotischen Gesellschaft, leistet er antiwestlicher und antisemitischer Propaganda Schützenhilfe, indem er als Stammgast bei IRIB, dem Rundfunk der Iranischen Theokratie auftritt und sich von der Islamischen Zeitung des eliminatorischen Antisemiten und konvertierten Nazi Abu Bakr Rieger interviewen lässt.
Darüber hinaus spricht er auf islamistischen Veranstaltungen beispielsweise von Milli Görüs und dem Islamischen Weg. Der Islamische Weg der Muslim-Markt-Herausgeber, den Gebrüdern Özuguz, ist die wichtigste Organisation bei der Durchführung des Al-Quds-Tages in Deutschland, einer antisemitischen und antizionistischen Propagandaveranstaltung. Udo Steinbach sagte dem Spiegel 2004, dass er es gut finde, wenn Leute wie die Özuguz in die Öffentlichkeit hervortreten, und er nahm sie auch in Schutz, als sie 2005 zum Mord an dem Islamkritiker Hans-Peter Raddatz aufriefen. 2001 und 2002 trat Steinbach auf der „Islamischen Tagung“ des Islamischen Weges in einen Dialog mit dem radikalen Antisemiten und Holocaustleugner Mohammed-Ali Ramin, eine weitere geplante gemeinsame Veranstaltung konnte 2003 aufgrund eines Einreiseverbotes für Ramin nicht stattfinden. Ramin ist Berater des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad sowie Initiator der Holocaustkonferenz in Teheran, an der Nazis und Holocaustleugner aus aller Welt teilnahmen, und überdies Begründer eines terroristischen Netzwerkes.
Der Hizbollah, welche die Vernichtung Israels und aller Juden weltweit zu ihren Zielen zählt, bescheinigt Steinbach keine terroristische Vereinigung zu sein, sondern eine legitime Widerstandsorganisation, die Hamas, die sich mit Berufung auf die „Protokolle der Weisen von Zion“ ebenso der Judenvernichtung verschrieben hat, sieht er als sinnvollen Gesprächspartner an.
Kein Wunder also, dass die NPD Hamburg sich solidarisch mit Steinbach erklärte und sich über ein angebliches „zionistisches Komplott“ empörte, welches zur Absetzung Steinbachs als Leiter des DOI geführt habe.

Das „Manifest der 25″

Keine Überraschung auch, dass IRIB sich angesichts des von Udo Steinbach mitverfassten „Manifest der 25“ begeistert zeigte, da der iranische Regimesender dessen Intention vollauf verstanden hatte. Er vermeldete, dass das „Holocausttabu“ in Europa, unter dem Holocaustleugner zu leiden hätten, durch das Manifest gebrochen sei und die Palästinenser_innen endlich als die wahren Opfer des Holocaustes erkannt seien.
Was IRIB klar formuliert, kommt im besagten Manifest in einer die besten Absichten vortäuschenden, gemäßigt erscheinenden Rede daher. Die vorgetragene Stoßrichtung des Manifestes sollte eine Korrektur des deutsch-israelischen Verhältnisses bewirken. Es ginge um eine „abzutragende Schuld“ unter Freunden (meint Deutschland und Israel), um eine Befreiung von der Vorstellung einer „‚besonderen‘“ Beziehung angesichts „‚massiver Vergeltung‘“, die Israel nach dem Prinzip der „Kollektivhaftung“ betreibe. Deutschland habe eine besondere „Verantwortung“ für die Palästinenser_innen, weil der Holocaust den Staat Israel verursacht habe, unter dessen Existenz diese zu leiden hätten.
In gewohnter Äquidistanz behauptet das Manifest stereotype Wahrnehmung und Leiden bestünden auf beiden Seiten des Nahostkonflikts gleichermaßen, weswegen die Frage nach Ursache und Wirkung hier unproduktiv sei. Als läge dem Suicide Bombing, dessen Ziel die Ermordung möglichst vieler Juden ist, ein rationales Denken zugrunde und nicht ein Weltverschwörungs- und Vernichtungswahn, gehe es darum, so die Autoren des Manifestes, Anreize für die Palästinenser_innen zu schaffen, weniger Selbstmordattentate zu verüben. In Walserischer Manier wird behauptet, es gebe ein Verbot Israel zu kritisieren, und dies stärke den Antisemitismus. Unter Betonung ihres behaupteten “Jüdisch-Seins“ werden unter anderen Marx und Adorno – als wäre ihr Denken nicht gerade Grundlage der Kritik repressiver Egalität durch Recht und der völkischen Herstellung von Kollektivsubjekten im „Völkerrecht“ – von den Autor_innen vereinnahmt, sie würden den Satz unterschreiben, dass nur der Respekt vor Recht und Völkerrecht “die einzigen Garantien für eine dauerhafte Existenz des Staates Israels und eines zukünftigen Staates Palästinas in Sicherheit – und für die Sicherheit von Juden und Jüdinnen bei uns und in aller Welt“ darstelle. Implizit wird unterstellt, dass Israel bzw. die Juden gegen Gleichheit, Recht und Völkerrecht verstößen, und es wird unterschwellig gedroht, dass dieses Verhalten sie selbst und die Welt bedrohe. Deutschland solle hier kritisch gegen Israel intervenieren, der Staat in der Nachfolge des Nationalsozialismus soll sich als Bewährungshelfer des Staates der Opfer gerieren, auf dass diese nicht rückfällig werden…
Nachdem die Palästinener_innen als Opfer des Holocaust und Israels ausfindig gemacht wurden, behaupten die Verfasser des Manifestes, dass Israel hingegen vom Holocaust gar profitieren würde in Form von Waffenhilfen und politischer Rückendeckung. Die Opfer des Nationalsozialismus werden als Kronzeugen für den eigenen Antizionismus missbraucht, die antisemitischen Rackets von heute und letztlich die ganze Welt erscheinen als Opfer israelischer Politik. So funktioniert geschichtsrevisionistische Täter-Opfer-Verkehrung im Namen der Menschen- und Völkerrechte als freundschaftliche Israelkritik made in Germany von heute. Man kann es auch die zeitgemäße Form des Antisemitismus nennen.

„Eine alte Debatte“?!

Eine Debatte, die wir für geeignet halten, an ihr etwas detaillierter die Problematik der Steinbachschen Position zu verdeutlichen, liegt einige Jahre zurück. Anläßlich eines Vortrags von Steinbach in Salzgitter-Bad am 06.01.2003 (Titel: „Im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus – der Nahe Osten vor tiefgreifenden Veränderungen?“) begann eine scharfe Auseinandersetzung um die Frage des Vergleichs zwischen dem Aufstand im jüdischen Ghetto Warschaus 1943 und heutigem palästinensischem Widerstand und Terrorismus. Steinbach selbst distanziert sich von einem solchen Vergleich und behauptet, er habe einen solchen auch nicht angestellt.
Als Konsequenz aus dem Salzgitteraner Vortrag wurde am 14.05.2004 in einem Offenen Brief Steinbachs Rücktritt als Direktor des Deutschen Orient Instituts gefordert. Der Umstand, dass die hierauf folgende Stellungnahme Steinbachs vom 24.05.2004 sicherlich noch von diesem aufrecht erhalten wird und er sich in zahlreichen öffentlichen Auftritten gleich lautend geäußert hat, rechtfertigt eine ausführliche Darstellung der beiden Dokumente.

Kritik an Steinbach –
Offener Brief vom 14.05.2004

Wir zitieren zunächst aus dem recht prägnant und scharf verfaßten Offenen Brief von Steinbach-KritikerInnen vom 14.05.2004 , welchen diese an das Kuratorium des DOI sandten: Steinbach habe
„(…) am 6. Januar 2003 auf einer Veranstaltung in Salzgitter-Bad die palästinensischen Selbstmordattentäter mit den jüdischen Kämpfern des Warschauer Ghettos verglichen. Steinbach führte aus: ‚Wenn wir sehen, wie israelische Panzer durch palästinensische Dörfer fahren und sich die verzweifelten Menschen mit Steinen wehren, dann müssen wir im Blick auf Warschau und im Blick auf den Aufstand der Juden im Warschauer Ghetto auch fragen dürfen, war das dann nicht auch Terror?‘
Indem Steinbach das Bild des Steinewerfers bemüht, der gegen Panzer ankämpft, verschweigt er nicht nur etwa, dass von palästinensischer Seite bekanntlich nicht ausschließlich Steine eingesetzt werden. Er projiziert auch die Israelis in der Rolle der Nazi-Deutschen, das heißt in Vernichtungsabsicht handelnd, und die Palästinenser in der Rolle der Juden, was zweierlei bedeuten kann: Entweder verteidigen die Palästinenser ihre Existenz, oder aber die Juden waren gar nicht von Vernichtung bedroht, sondern haben vielleicht – Stichwort Terror – gar übertrieben. Beide Bedeutungen schließen sich nicht aus, im Gegenteil, in der einen wie in der anderen Richtung bedienen sie das antisemitische Ressentiment.
‚Müssen wir uns nicht fragen, was los ist, wenn ein anständiger und normaler junger Mann, der leben will, wie jeder andere auch, sich einen Sprengstoffgürtel umschnallt und sich in die Luft sprengt, nur weil er sonst keinen Ausweg sieht, sich seine Würde zu bewahren?‘, leitete Steinbach seinen Vergleich ein, und in dieser harmlos und naiv formulierten Frage wiederholt sich die Zweischneidigkeit des Vergleichs. Denn entweder haben die Juden im Warschauer Ghetto um ihre ‚Würde‘ gekämpft, oder die Palästinenser wählen, weil sie ohnehin ermordet werden, den Tod im Kampf. Egal wie, ob nun der Aufstand im Ghetto zum Kampf um ‚Würde‘ verniedlicht oder den Palästinensern das Recht auf Verzweiflungstaten angesichts drohender Vernichtung bescheinigt wird, am Ende bleiben das Problem bei Steinbach die Juden.
Steinbach möchte sich nicht festlegen, er muss es auch nicht. Indem er die eliminatorisch-antisemitische Motivation islamistischen Terrors leugnet, entlastet er zugleich die Deutschen und die Palästinenser von der Verantwortung für ihr Tun und benennt den vermeintlich eigentlichen Schuldigen. Der Vergleich von jüdischen Ghettokämpfern mit arabischen Selbstmord-Killern und israelischen Soldaten mit SS-Schergen ist eine bewusste Verharmlosung der Nazi-Verbrechen, eine Verniedlichung Hitlers und eine ungeheuerliche Schändung des Andenkens der jüdischen Toten.“

Diese Stellungnahme zu Steinbachs Äußerungen erscheint uns sehr treffend. Im folgenden soll, um eine Einschätzung der Stichhaltigkeit der Argumente der KritikerInnen zu ermöglichen, Steinbach selbst zu Wort kommen.

Steinbachs Replik vom 24.05.2004

Wir dokumentieren wir nun einige Passagen der Erklärung Steinbachs vom 24.05.2004 zu diesem Offenen Brief und erlauben uns Anmerkungen zu diesem Statement:

„I. Ich verwahre mich ausdrücklich gegen die in der obigen Erklärung wie in anderen früheren Pressemitteilungen geäußerten Unterstellungen, ich hätte bei einem Vortrag in Salzgitter im Januar 2003 ‚palästinensische Selbstmordattentäter mit Kämpfern im Warschauer Ghetto‘ gleichgesetzt. Sätze wie ‚Wenn die einen Terroristen sind, dann müssen auch die anderen Terroristen gewesen sein‘ sind von mir weder gesagt noch in der Intention ähnlich geäußert worden.
Die in der obigen Erklärung zitierten Sätze sind aus dem Zusammenhang gerissen und geben nicht die Logik und den Duktus meines Vortrages wieder. Die Intention meines Vortrages wird damit grob verfälscht.“

Steinbach weist zunächst die erhobenen Vorwürfe weit von sich und behauptet, seine Äußerungen seien aus einem Kontext gerissen worden. Dies ist nicht nur ein Standardsatz in politischen Diskussionen, es ermöglicht nebenbei die Interpretation, dass seine Äußerungen (in Bild und Wort) ohne diesen Kontext absolut nicht verständlich sind. Die Behauptung von der Entkontextualisierung ignoriert auch, dass mit den auch von Steinbach verwendeten Bildern bzw. Bilder-Kombinationen einschlägige, leider von all zu vielen ZeitgenossInnen geteilte Assoziationen verknüpft sind und dass diese auch von interessierter Seite zu Propagandazwecken mißbraucht werden. In der Konsequenz der Entkontextualisierung werde ihm, Steinbach, eine unzutreffende Absicht seines Vortrags unterstellt.
Im weiteren erläutert Steinbach den seiner Meinung nach missachteten Kontext und stellt seine vermeintlich nicht erkannte Intention dar. Er unterteilt seine Darstellung in zwei Abschnitte:

„II. Was ich bei verschiedenen Vorträgen zum Nahostkonflikt im Frühjahr 2003 ausführte ist das folgende:
Ich gehe von dem Film ‚Der Pianist‘ von Polanski aus und habe festgestellt, dass mich das dort Gezeigte tief beeindruckt hat. Nur könne ich es nicht mehr nur ausschließlich auf mein Verhältnis zur Vergangenheit beziehen, angesichts der mir täglich vor Augen tretenden Brutalitäten der israelischen Armee in den besetzten Gebieten empfinde ich eine Betroffenheit, das im Film Gesehene (die Greueltaten der SS in Warschau) in eine Verpflichtung umzusetzen, gerade im Nahen Osten im Verhältnis zwischen Israel und den Palästinensern auf einen friedlichen Ausgleich hinzuarbeiten.

Steinbach kommt von der „Betroffenheit“ zur „Verpflichtung“. Die Moral aus einem Film über den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg und die Ermordung der europäischen Juden und Jüdinnen ist für ihn, sich für einen „friedlichen Ausgleich“ im Nahostkonflikt einzusetzen. Klingt harmlos und gut meinend – wer will keinen Frieden und das gerade in Israel/Palästina?!

„Die Petition des ‚Forums von Holocaust-Überlebenden und ihrer Nachkommen zur Verhinderung des Niedergangs des israelischen Humanismus‘ vom 15.12.2002 erklärt, ‚dass wir kein reines Gewissen haben können angesichts der massenhaften willkürlichen Zerstörung von Häusern der Zivilbevölkerung, den entwurzelten Olivenbäumen und dem Erdboden gleich gemachten Obstplantagen. Wir können die weitreichende Unterbrechungen des täglichen Lebens und die Misshandlungen an den Checkpoints nicht akzeptieren.‘ Seit die Petition am 15.12. in Umlauf gebracht worden ist, unterschreiben laut Presseberichten täglich Dutzende von Holocaust-Überlebenden diese Erklärung, in der gewarnt wird, dass ‚die israelische Gesellschaft in einen Morast von Gewalt und Brutalität, der Missachtung der Menschenrechte und der Geringschätzung des menschlichen Lebens hinabsinkt.“

Und wieder eine implizite Verknüpfung zwischen der Shoah und der aktuellen Situation. Und wieder Israel als Aggressor und PalästinenserInnen als Opferkollektiv. Das Steinbach hier ausgerechnet JüdInnen, welche die Shoah überlebten, zitiert, ist, gerade vor dem Hintergrund des Inhalts der Auseinandersetzung, gelinde gesagt als Fehlgriff zu bezeichnen.

„Ich führe dann weiter aus, dass wir gerade auch mit Blick auf das Jahr 2003 vor einer Situation stünden, in der jeder von uns eine Verantwortung habe, zum Frieden beizutragen. Niemand könne einen Zweifel an der moralischen Rechtfertigung des jüdischen Aufstandes in Warschau haben. Zugleich[!] aber könne ich eine moralische Rechtfertigung eines palästinensischen Widerstandes gegen die israelische Besatzung erkennen.

„Verantwortung zum Frieden“, gerade 2003: Dies ist eine Anspielung auf die militärische Intervention der von der USA geführten Anti-Saddam-Koalition im Irak, die Steinbach an anderen Stellen immer wieder kritisiert, aktuell etwa als „von außen gewalthaft herbeigeführte[n] Sturz“. Die Skepsis gegenüber militärischen Handlungen in allen Ehren, siehe oben – wer will keinen „Frieden“? Es folgt jedoch ein Mal mehr eine fragwürdige und sicherlich nicht zufällig zu nennende Verknüpfung des historischen jüdischen Widerstands gegen die Nazis und der aktuellen Situation in Israel/Palästina, in der wieder Israel das Problem ist und PalästinenserInnen lediglich „Widerstand“ leisten.

„III. lch habe im Verlauf meines Vortrages in Salzgitter und an anderen Orten für das Publikum ‚Bilder‘ skizziert: dasjenige des Filmprotagonisten, der jüdische Kämpfer im Warschauer Ghetto, auch das Bild eines steinewerfenden palästinensischen Jugendlichen, eines Selbstmordattentäters sowie mehrere andere. Für die Zuhörer des Vortrags in Salzgitter war klar, dass es beim verbalen Skizzieren dieser Bilder nicht um einen historischen Vergleich oder eine Analogie zwischen den Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands und der heutigen Situation in den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten geht. Einen solchen historischen Vergleich habe ich nicht angestellt und auch nicht intendiert.“

„’Bilder’“, die nicht als Analogie mißzuverstehen sind, mithin in keinerlei Verbindung zueinander stehen, zumindest nicht für die ZuhörerInnen in Salzgitter. Zumindest einige müssen Steinbachs „’Bilder’“-Zusammenstellung dann aber wohl doch falsch verstanden haben. Wir fragen uns, warum nicht andere Bilder verwendet wurden, um Interpretationen, die Steinbach angeblich nicht teilt und auch nicht befördern wollte, von vorne herein auszuschließen.

„Worauf ich in meinem Vortrag in Salzgitter und bei anderen Vorträgen rekurriere, sind in unseren Köpfen vorhandene Bilder menschlichen Leidens. Bilder menschlicher Opfer, Bilder, in denen die geschundene Kreatur beginnt, sich zu wehren. Die rote Linie in meinen Vorträgen ist dabei u.a. der unterdrückte und verzweifelte Mensch, der aufbegehrt. Vor diesem Hintergrund sind Vorwürfe des Antisemitismus, der Banalisierung oder Leugnung des Holocausts schlichtweg absurd.“

Wem (angeblich) so am menschlichen Wohl gelegen ist, der/die könne also kein/e AntisemitIn sein. „Der“ „unterdrückte und verzweifelte Mensch, der aufbegehrt“ – allgemeiner geht es nicht. Der Massenmord am europäischen Judentum wird zu einer x-beliebigen Katastrophe nivelliert.
Wenn es Steinbach um das große Ganze ging, warum verwendete Steinbach dann ausgerechnet die von ihm ausgewählten Bilder? Angesichts des Vortragstitels ist doch davon auszugehen, dass die Bildauswahl keine zufällige war. Sondern eine bewußte Entscheidung des Akademikers Steinbach.

„Ich denke, dass es sinnvoller wäre, statt die Kritiker der israelischen Militäroperationen mit Vorwürfen der Holocaust-Leugnung und absurden Antisemitismusvorwürfen zu konfrontieren, dass wir alle – auch die Unterzeichner des offenen Briefes – die Anstrengungen, um zu einem friedlichen Ausgleich zwischen Israelis und Palästinensern zu kommen, intensivieren.“

Hier wird suggeriert, dass ungerechtfertigter Weise die Shoah als Argument gegen „Kritiker israelischer Militäroperationen“ instrumentalisiert wird – zumindest im Falle Steinbachs, der sich wohl als einen solchen Kritiker sieht. Die allgemeine Formulierung erlaubt zudem die Lesart, dass diese Instrumentalisierung weit verbreitet ist. Dies erinnert an Martin Walsers berüchtigte schuldabwehrende Rede von der „Moralkeule“ Auschwitz, welche von „Meinungssoldaten“ vorschnell gegen Menschen zum Einsatz komme, die doch, wenn auch auf einem anderen Feld, ebenso wie Steinbach nur gute Absichten hätten.
Es ist schlichtweg Unsinn, zu behaupten, Kritik an Maßnahmen der israelischen Sicherheitskräfte sei unmöglich, ohne sich des Vorwurfs des Geschichtsrevisionismus und der Verharmlosung des palästinensischen Terrorismus auszusetzen. Diese Behauptung in den Raum zu stellen, offenbart einmal mehr scheinbar zumindest Ignoranz; bei einem Experten wie Steinbach dürfte von einer derartigen Ignoranz allerdings kaum auszugehen sein.

„Es wird nicht weiterhelfen, wenn wir diesen jungen Mann lediglich als ‚arabischen Selbstmordkiller‘ etikettieren und nicht die Geschichte dieses Individuums zu verstehen suchen sowie diejenigen, die dies versuchen, der ‚Leugnung der eliminatorisch-antisemitischen Motivation islamistischen Terrors‘ bezichtigen.“

Steinbach macht sich hier nicht mehr für die o.g. „Kritiker israelischer Militäroperationen“ stark, sondern für empathische ZeitgenossInnen, die „verstehen“ wollen und „bezichtigt“ werden. Dies ist Selbstviktimisierung in schuldabwehrender Absicht unter zu Hilfenahme von Unterstellungen und Behauptungen. Ein unschuldig daher kommender, um so drastischerer Schluß Steinbachs.

Bündnis gegen Geschichtsrevisionismus und Antizionismus, 23.04.2008

http://www.syria-germany.de/index.php?option=com_content&task=view&id=105&Itemid=101
http://www.antifa-hamburg.com/text//12.html
Ebd.
http://www.eurasisches-magazin.de/artikel/?artikelID=20070404
http://german.irib.ir/index.php?option=com_content&task=view&id=2456&Itemid=35
http://www.antifa-hamburg.com/text//12.html
Siehe http://www.isoplan.de/aid/2001-4/interview.htm , http://www.eurasischesmagazin.de/artikel/?artikelID=20060204 , http://www.eurasischesmagazin.de/artikel/?artikelID=20040804 ,
http://www.eurasisches-magazin.de/artikel/?artikelID=20070404 . Islamische Zeitung vom 11.2.05 , http://www.islamische-zeitung.de/?id=5466. Zu Abu Bakr Rieger siehe: http://videoblog.outcut.tv/2007/09/nicht-ganz-grundlich-abu-bakr.php
Seit Mitte 2007 gab Steinbach IRIB 10 Interviews: http://german.irib.ir/index.php?option=com_content&task=blogcategory&id=14&Itemid=35
http://www.gegen-al-quds-tag.de/Material%20und%20Brosch%FCre/gutachten__Quds.pdf
Siehe http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=31254247&top=SPIEGEL und http://www.abendblatt.de/daten/2005/10/22/495020.html
http://en.wikipedia.org/wiki/Mohammad-Ali_Ramin , http://www.bih-islam.de/Seminar2003.htm , http://www.islamischer-weg.de/Tagung/tagung.htm . Zum Weltbild von Ramin ist folgendes Interview aufschlussreich:
http://honestlyconcerned.info/bin/articles.cgi?ID=IR5307&Category=ir&Subcategory=19
http://german.irib.ir/index.php?option=com_content&task=view&id=4052&Itemid=35 , WAZ vom 13.6.07: http://www.derwesten.de/nachrichten/nachrichten/politik/2007/6/13/news-1024478/detail.html
http://www.npd-hamburg.de/cms/cms/website.php?sid=bacd6091209af8276fea61505a9e9b6a&id=/de/aktuell/data9295.htm
http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Israel/manifest.html . Kritisch dazu: http://www.lizaswelt.net/2006/11/das-odeur-der-politologik.html , http://www.eussner.net/artikel_2006-11-26_17-05-33.html

IRIB vom 16.11.2006, Vgl. http://www.lizaswelt.net/2006/11/applaus-applaus.html
Offener Brief an die Damen und Herren Mitglieder des Kuratoriums des Deutschen Orient-Instituts, Hamburg (14.05.2004) – http://www.hagalil.com/petition/04-05/brief.htm – Eine Liste der ErstunterzeichnerInnen (Stand v. 17.05.2004) findet sich unter http://www.hagalil.com/petition/04-05/unterzeichner.htm
Im Internet ist die vollständige Erklärung Steinbachs nachzulesen unter http://www.hagalil.com/archiv/2004/08/steinbach.htm
. Vollständig dokumentiert und kommentiert findet sie sich auch in einem Offenen Brief der Basisdemokratischen Fachschaft Sozialwissenschaften an den geschäftsführenden Direktor des IPW Hannover, siehe http://www.stud.uni-hannover.de/gruppen/fs-sowi.
In der Rubrik „Nahost-Konflikt“ seiner aktuellen Website: http://www.udosteinbach.eu/cms/content/view/14/28/lang,/