MIT ANTISEMITEN DISKUTIEREN…

…IST WIE „EINEM TIER DAS SPRECHEN BEIZUBRINGEN“ (LESZEK KOLAKOWSKI)

„Es hat wenig Sinn, immer nur mit Menschen zu diskutieren, die unsere Sympathie und unser Engagement für Israel teilen. Es ist wichtig gerade dort, wo kritische und gelegentlich ungerechte Töne über Israel zu hören sind deutlich unsere Sicht der Dinge zu formulieren. Aus diesem Grunde wünsche ich mir hier eine faire Kontroverse und hoffe, dass viele Mitglieder unserer Gesellschaft zu dieser Veranstaltung erscheinen und in der Diskussion das Wort ergreifen. Es ist vereinbart, dass nach dem Vortrag von Prof. Paech ich für die DIG und ein Vertreter der Palästina Initiative die Gelegenheit zu einem kurzen Statement haben, bevor die allgemeine Diskussion eröffnet wird.“

So begründet Kay Schweigmann-Greve von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Hannover, warum diese eine Veranstaltung mit dem antizionistischen Antisemiten Norman Paech unterstützt und mitfinanziert. Er offenbart damit, dass er vom Antisemitismus und seiner heutigen Erscheinungsweise, dem Antizionismus, rein gar nichts begriffen hat. „Der Antisemit nimmt dem Juden prinzipiell alles übel, auch das Gegenteil. Deswegen bringt es nichts, mit Antisemiten zu diskutieren, sie von der Absurdität ihrer Ansichten überzeugen zu wollen. Man muss sie ausgrenzen, sie in eine Art sozialer Quarantäne isolieren.“ Dies stellte Henryk M. Broder am 16.6.2008 in seinem umseitig abgedruckten Redebeitrag vor dem Innenausschuss des Bundestages zu dem Thema „Kampf gegen Antisemitismus“ fest. Wo die Waffen der Kritik in der Form der Ideologiekritik versagen wie beim Antisemitismus, bleibt nur die Kritik der Waffen, um die Antisemit_innen von ihrem Tun abzuhalten, wie es die Notwendigkeit der israelischen Verteidigungsmaßnahmen tagtäglich demonstriert.

Die Deutschen stellen zur Zeit wieder mal eindrücklich unter Beweis, wie nötig ihnen der positive Bezug auf das Land der Vernichtungslager ist. Ob in der Fanzone in Hannover die NPD Flugblätter verteilt oder in Wien die deutschen „Schlachtenbummler_innen“, wie der bezeichnende Name dieser Spezies ist, „gelbe Sterne verteilen“ und „Bahnen nach Auschwitz bauen“ wollen, es zeigt sich, dass jede deutsche Aufwallung, jeder positive Bezug auf Deutschland letztlich notwendig den Nationalsozialismus beinhaltet und aktiviert. Nicht anders verhält es sich offenkundig bei deutschen Gesellschaften und Initiativen, die aus deutschen Befindlichkeiten und Interessen heraus zu Israel nicht schweigen können. Jüngst erst, als wir die antisemitische Veranstaltungsreihe Filistina kritisieren wollten, traten uns Vertreter der Palästina-Initiative entgegen mit einem famosen Angebot der Gesprächsbereitschaft. Im Gegensatz zur Deutsch-Israelischen Gesellschaft stehen wir nicht bereit für Therapiegespräche in Sachen deutscher Identitätsdefekte. Ganz unverblümt brachen diese aus den Sprechern der Palästina-Initiative heraus: Israel sei faschistisch und rassistisch, mache das gleiche wie die Nazis und man solle nicht wieder im nachhinein sagen, dass man von nichts gewusst hätte. Solchen Fanatiker_Innen, welche die deutsche Barbarei auf Israel exterretorialisieren und projizieren, ist wirklich nicht mehr beizukommen, denn mit Sozialquarantäne, nur ist das Problem hierbei, dass sie in ihrem Wahn tendenziell mit fast allen bekennenden Deutschen sich einig sind, und diese einen souveränen Nationalstaat bilden. Die Deutsch-Israelische Gesellschaft beweist mit ihrer Unterstützung der Veranstaltung mit Norman Paech, dass sie in der Volksgemeinschaft der Antizionist_innen und Antiamerikaner_innen, die schonungslos zu kritisieren wäre, nicht abseits stehen möchte. Im Folgenden stellen wir erneut die „kritischen und gelegentlich ungerechten Töne“ Norman Paechs über Israel dar, die nach Auffassung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft diesen Antisemiten für „eine faire Kontroverse“ qualifizieren.

Seiner antizionistischen Mission wurde Norman Paech sich auf einer Israelreise Mitte der 1960er Jahre bewusst, als er „in der Aura der Kollektivschuld“, so er selbst, das Leid der Araber_innen entdeckte, worin er die Chance zur Erlösung von dieser Schuld wähnte: „Seit jener Zeit fühle ich mich in dieser Frage gefordert. (…) Ich vermag nicht, als Konsequenz aus den Verbrechen der Generation vor uns zu schweigen, wenn die Überlebenden, ihre Kinder und Enkel, Menschenrechte anderer verletzen.“ Die Gleichheit des Menschenrechts ist ihm „nur die Eingangsphrase zur Sonderbehandlung der Juden“, und Anlass „warum man sich ausgerechnet und besonders heftig mit Israel befassen muß.“ (Eike Geisel) Seitdem versucht Paech unermüdlich, Juden und Israel für den Antisemitismus und ihre Verfolgung selbst verantwortlich zu machen. So erklärte er der Hamburger Lehrerzeitung: „Israel muss sich allerdings in der Tat fragen, ob seine Palästina-Politik nicht einem latenten Antisemitismus in Deutschland Nahrung gibt“.1 So ist ihm auch der islamistische Terrorismus von Hamas und Hisbollah etwa nicht Folge ihres selbstbekundeten Weltverschwörungs- und Vernichtungswahns, sondern immer nur Folge des israelischen „Staatsterrors“. Jüngst nahm Paech dieses klassische Motiv des Antisemitismus, nach dem die Juden immer selbst schuld am Antisemitismus seien, wieder auf, als er Ted Honderichs Buch „Nach dem Terror“, welches auf die Intervention von Micha Brumlik wegen antisemitisch-antizionistischer Passagen hin nicht bei Suhrkamp veröffentlicht wurde, verteidigte und Micha Brumlik angriff, er gebe mit seiner „exekutivistischen Gedankenzensur“ dem Antisemitismus neuen Auftrieb.2 Das heißt: Juden und Israel dürfen sich nicht gegen Antisemitismus wehren, tun sie es doch, so sind sie selbst daran schuld. Das bedeutet in der Konsequenz der Paech’schen „Friedensliebe“, Israel solle die Waffen strecken und die Juden sich von den Antisemiten vernichten lassen. Folglich bezeichnete Paech den Boykott gegenüber der Hamas als „ein Verbrechen“, denn die Hamas und andere palästinensische Terrorgruppen stünden für eine „vernünftige Basis“ einer Lösung des Nahostkonfliktes.3 Dass eine „vernünftige Lösung“ für die Hamas unter Berufung auf die „Protokolle der Weisen von Zion“ nur in der „Endlösung“, der Vernichtung Israels und alles Jüdischen in der Welt, besteht, dürfte auch Paech bei aller Realitätsverleugnung nicht entgangen sein, weswegen man unterstellen muss, dass er diese Ziele unausgesprochen teilt. Das Existenzrecht Israels zumindest hält er für eine „verbale Überhöhung“4 , für ihn stellt Israel ein koloniales Unternehmen dar und er beruft sich positiv auf die UN-Resolution von 1975, nach der Zionismus eine Form des Rassismus sei.5 Zustimmend zitiert er immer wieder jüdische oder israelische Kronzeugen_innen, die „Israels rassistische und genozidale Politik gegenüber Palästinensern“ anklagen und behaupten, dass der jüdische Staat zwangsläufig zu einem rassistischen Bewusstsein und militärischer Konfrontation führe, der Zionismus den Rassismus notwendig hervorbringe.6

Anlässlich des Libanonkrieges 2006, den Paech verschwörungstheoretisch als von neokonservativen Kräften in den USA von langer Hand geplant bezeichnete, bezichtigte er Israel, einen „unzulässigen Vernichtungskrieg gegen Milizen und Bevölkerung im Libanon“ zu führen und fühlte sich an „Vergeltungsbefehle der deutschen Wehrmacht erinnert“.7 Er verwendet also Vokabular aus dem Kontext des Nationalsozialismus und überträgt dieses auf Israel, womit es sich um eine geschichtsrevisionistische und schuldentlastende Täter-Opfer-Umkehr handelt. Friedenstruppen sollen seiner Meinung nach nicht nur im Libanon, sondern auch in Israel stationiert werden und Waffenlieferungen an Israel sollen eingestellt werden. Empört stellte er fest: „Deutsche Soldaten sollen so weit von israelischen Truppen entfernt eingesetzt werden, dass sie gar nicht auf sie schießen können“8 , ein Szenarium, dass er sich offenkundig – sicher uneingestanden – herbeisehnt.

Dem Iran gegenüber fordert Paech die „Anerkennung des Gleichberechtigungsprinzips“: „Was man Israel oder Pakistan gewährt hat, kann man dem Iran nicht verweigern“9 , d.h. er fordert im Namen der Gleichberechtigung die iranische Atombombe, dessen Verwendungszweck iranische Offizielle immer wieder offen verkünden: die Vernichtung Israels als Bedingung der Wiederkunft des verborgenen Imams, des schiitischen Messias. Zu einer zusammen mit Lafontaine geplanten Audienz bei Ahmadinedschad kam es wegen der zur gleichen Zeit stattgefundenen Holocaustleugner-Konferenz in Teheran nicht.10

Ende 2006 organisierte Paech eine Nahostkonferenz, zu der er neben anderen palästinensischen Terroristen auch den Regierungssprecher der Hamas, Ghazi Hamad, eingeladen hatte, der allerdings keine Einreisegenehmigung erhielt.11 Er bezeichnete die Konferenz als ein „Treffen von Friedenskräften“, was Aufschluss über sein Friedensverständnis gibt.

Wenn so manche als Freunde Israels sich missverstehende Vertreter der DIG meinen, moslemischen Unterstützern der palästinensischen Sache oder ihren linken deutschen Freund_innen eine öffentliche Plattform geben zu müssen, weil diese ein in humanitärer Hinsicht irgendwie berechtigtes Anliegen vertreten würden, könnte die DIG genauso gut auch mal deutschen Nazis ein öffentliches Forum bieten, auf dem diese – dann ebenfalls mit dem begehrten DIG-Prüf- und Gütesiegel für politische Korrektheit versehen – dem palästinensischen Anliegen ihre Solidarität bekunden. Schließlich unterscheiden sich die Einstellungen deutscher Nazis hinsichtlich ihrer „Kritik“ an Israel nur geringfügig von denen der allermeisten Palästinenser_innen und ihrer deutschen Apologeten wie etwa Norman Paech. Dass dies so ist, will man innerhalb und außerhalb der DIG natürlich nicht sehen und wahrhaben, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Was deutsche Nazis vertreten, wird zurecht entschieden zurückgewiesen, aber wenn Palästinenser_innen die gleiche Tiraden gegenüber Israel und den Juden absondern wie die Nazis, dann kann aus Sicht von solchen Freund_innen „unterdrückter Völker“ und Islamversteher_innen wie Norman Paech der Grund dafür ja nur darin liegen, dass am Vorwurf, der jüdische Staat habe einen kolonialistischen und rassistischen Charakter, wohl doch etwas dran ist.

GRUPPE ANOMY HANNOVER * JUNI 2008

1 Eike Geisel: Die Banalität der Guten. Deutsche Seelenwanderungen. Berlin 1992, S.97ff. Vgl. http://www.trend.infopartisan.net/trd0302/t100302.html
2 Aufschlussreich ist hier auch seine Sprache, wenn er schreibt, der Antisemitismus-Vorwurf habe sich „wie ein Virus in die Palästinadebatte eingenistet, der jede kritische Auseinandersetzung (…) deformiert und zersetzt.“ Ist im klassischen Antisemitismus „der Jude“ der Virus, der alles zersetze, so ist bei Paech die zumeist von Juden vorgetragene Kritik am Antisemitismus der zersetzende, bedrohliche Virus – eine kaum ummäntelte Kontinuität. Vgl. http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/themen/Rassismus/honderich.html
3 https://www.jungewelt.de/loginFailed.php?ref=/2006/05-30/055.php und http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2006/05/27/a0142
4 http://www.netzeitung.de/deutschland/594331.html
5 https://aktuell.nadir.org/nadir/initiativ/isku/AKTUELL/2000/11/466.htm
6 http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/themen/Rassismus/honderich.html
7 http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2006/07/26/a0134 und http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/bewegung/antikriegstag06-paech.html
8 http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/bewegung/antikriegstag06-paech.html
9 http://www.netzeitung.de/deutschland/436275.html
10 http://www.tagesspiegel.de/politik/div/;art771,2190933#art und http://planethop.blogspot.com/2006/11/kein-ticket-nach-teheran-einen-tag.html
11 http://planethop.blogspot.com/2006/10/hamas-in-den-bundestag-ja-genau-das.html und http://jungle-world.com/artikel/2006/45/18520.html